Design  

Die Gestaltung von "Web of Life" erzählt in Bildern Anekdoten über die täglichen Konfrontationen in und mit Netzen. Das Buch vermeidet eine Bildsprache, die sich an Stereotypen und Ikonen der Netzphänomenologie orientiert, etwa so langweilige "Allgemeinplätze" wie das @-Zeichen. Die Illustrationen suchen das Gemeinsame im Speziellen. So wie sich komplexe Strukturen in kleinen Ausschnitten selbstähnlich sind, lassen sich treffende Bildaussagen mit collagierten Ausschnitten unserer kulturellen Wirklichkeit machen. Die Motive sollen Assoziationen wecken, die mit dem persönlichen Erfahrungsschatz der Betrachter verknüpft sind und somit für jeden einzelnen unterschiedlich interpretierbar bleiben. Mit der Collage wurde bewußt eine offene Form der Bildgestaltung gewählt, die ihre bildliche Ungereimtheit zur Aussage stilisiert: Alle Einzelteile eines Bildes ergeben erst auf einer höheren Bedeutungsebene Sinn. In der Sprache der Netzlogik: Das Ganze ist mehr als die Summe der einzelnen Teile.

Ausschnitte der Vergangenheit und Gegenwart werden ihres ehemaligen Kontextes enthoben und zu einer neuen Bildwelt verwoben. Es entstehen neue Räumlichkeiten, die die Metaphern des Privaten und die Anspielungen an das Öffentliche in visuellen "Spielplätzen" vereinen und mal mit humorvollem, mal mit düsterem Blick, mal retrospektiv, mal fiktiv erscheinen. Das Zukünftige wird nicht als Prognose, sondern als Szenerie behandelt. Somit gerät keine Illustration in die Verlegenheit, glaubwürdige Science-Fiction-Welten oder hyperkomplexe Netzstrukturen darstellen zu müssen. Die Interpretation bleibt dem Betrachter überlassen, mit einem interessanten Effekt: Es gibt eine Sichtweise der Illustrationen vor und eine nach der Lektüre des Buches.

Das erste Tableau symbolisiert konsequent weiterentwickelte "Erlebnisfelder" menschlichen Zusammentreffens, also wahrhaftige Chat-"Rooms". Das Web bietet "Raum" für alle Arten von eklektizistischen Ausdrucksformen. Mode, Einrichtung, Status und kommunikativer Habitus sind frei wählbar. Das Zusammentreffen von Persönlichkeiten wird auf einem selbstgestalteten Bühnen-Treffpunkt inszeniert. Jeder nimmt die Rolle an, die er wünscht – oder die er sich überstülpen lässt. Der unbegrenzte Zugriff auf das global-historische Wissen der Menschheit eröffnet neue kombinatorische Ausdrucksformen.

 

Das zweite Tableau spielt mit der Dynamik in Gesellschaften. Seit Homer ist bekannt: Jeder rechtswidrigen Tat muss ihre schicksalshafte Sühne folgen – eine Grundvoraussetzung sozialer Netze. Die Gesetze der Netze sind die, nach denen sich Menschen organisieren. Homers Protagonisten sind immer noch aktiv: Paris, Helena, Priamos, Kassandra, Hektor, Achilles, Odysseus und Äneas als Hauptdarsteller einer dauerhaften Soap Opera; die Ilias als Blaupause des elektronischen Zeitalters; das hölzerne "trojanische Pferd" (Computerviren werden so genannt) dient als Sinnbild für die Anfälligkeit komplexer Systeme. Die Attacken gegen die Netze der Zivilisation kommen selbst aus Netzen. Deshalb sind menschliche Gesellschaften – ebenso wie ökologische Gemeinschaften – nie als Gleichgewicht darstellbar.

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